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Seit einigen Jahren bin ich ja nun mit I. befreundet – einer Heilerziehungspflegerin, die mir seinerzeit einen geistig behinderten Bewohner ihres Wohnheims anvertraut hatte.
Vor einigen Wochen hatte I. ihren früheren Dozenten an der Heilerziehungspflegeschule (HEP-Schule) wieder getroffen. Bereits während ihrer Ausbildung gab es eine Unterrichtseinheit über Sexualität; bzw. wie man wohl mit der Sexualität der behinderten Bewohner umgehen kann und sollte – und inwieweit dieser Umgang mit der eigenen Sexualität zusammen hängt.
Die HEP-Schule versucht, ihren Schülern einen offenen, freien und guten Umgang aufzuzeigen und eine Basis zu legen, damit zukünftig auch diese Bedürfnisse der Heimbewohner erkannt und mit ihnen offen umgegangen werden kann.
So erfuhr der Dozent von I.´s Experiment mit einer Sexworkerin (also mir) und ihrem Bewohner. I. erzählte ihm, wie sie mich im internet fand; wie sich unser Kennenlernen gestaltete und das Treffen mit dem Heimbewohner verlief; bzw. welche Auswirkungen das intime Zusammensein auf dessen Wohlbefinden und Verhalten hatte.
Der Dozent fand das alles sehr spannend und so kam es, daß er mich an die Schule einlud, um im Unterricht von meiner Arbeit zu erzählen. Ein konkreter Ablauf-Plan lag nicht vor. Wir hatten beide noch nie etwas derartiges getan und keiner war sich klar darüber, ob es besser sei, wenn ich frei erzähle; lieber vom Dozenten und/oder den Schülern befragt werde und welche Themen in welcher Form wohl interessant seien.
Aber klar war, daß eine Annäherung immer gut ist.
Sowohl Behinderten-Sexualität, als auch Prostitution werden sehr skeptisch betrachtet und sind sehr tabu-behaftet.
Wenn man Tabus aufbrechen möchte, ist Offenheit von Nöten. Und da ich es als sehr wichtig erachte, daß die erotischen und zärtlichen Bedürfnisse von Menschen mit Behinderung auch in Wohnheimen wahrgenommen und nach Möglichkeit erfüllt werden, war es außer Frage, daß ich mich auf diese Unterrichtseinheit einlassen werde.
Wir hatten kurz telefoniert; Datum, Uhrzeit und Ort besprochen und als mir Herr L. erzählte, worüber der Unterricht im Vorfeld handelt, fragte ich, ob ich vielleicht bereits hier anwesend sein und lauschen dürfte. Er freute sich sehr über mein Interesse und so vereinbarten wir, ich könne bereits um 8h in den Unterricht kommen – ich selbst wäre dann „Thema“ ab 11h.
Ich war an besagtem Tag sehr aufgeregt. Das Gelände der Schule ist riesengroß. Es gibt viele einzelne Gebäude – Schulhäuser; Wohnheime für Angestellte und auch für Menschen mit Behinderung – und auch eine Wiese mit Schafen und anderes Kleingetier. Viel Natur und eine sehr angenehme, ruhige und doch betriebsame Athmosphäre....
Leider hab ich mich hier erstmal fast verlaufen, sodaß ich dann doch 5 Minuten zu spät erschien.
Ich wäre sicherlich noch viel aufgeregter gewesen, hätte ich im Vorfeld gewußt, daß mich 40 Berufschüler und 2 Lehrer erwarten.... Als ich eintrat, sahen sie mich alle an mit einer Mischung aus Neugierde; Gespanntheit und vielleicht auch Unsicherheit. Ah – das ist also eine Prostituierte....... Hm – hätt ich mir völlig anders vorgestellt. Mal gucken, wie sie so ist - schien diese Gruppe mir gedanklich vorzuflüstern.
Ich wurde von den beiden Lehrern herzlich begrüßt und der Unterricht ging weiter.
Ich war ganz furchtbar nervös und hatte Muffe, die Hoffnungen und Erwartungen – die ansich ja garnicht klar definiert waren – nicht erfüllen zu können. Die Schüler schienen mir schätzungsweise zwischen 18 und 50 Jahren alt zu sein. Mehr Frauen, als Männer. Und immer wieder vorsichtige Blicke die mich scannten, in der Hoffnung, ich würde es nicht bemerken..... Und ich selbst hielt es wohl ähnlich.....
Im Verlauf des Unterrichts wurde mir sehr viel bewußt, das ich so noch nie betrachtet hatte. Wie klar und bewußt man sich seiner eigenen Sexualität sein sollte; wie natürlich und selbstverständlich man sie betrachten muß, um auch anderen ihre Sexualität selbstverständlich anerkennen zu können.
Und wie schwer es selbst heute noch jungen Menschen fällt, offen zu sein und über ihre Bedürfnisse; ihre Lust – und vor allem ihre Ängste; Minderwertigkeitsgefühle und Zweifel nachzudenken; dazu zu stehen oder gar darüber zu reden. Wir leben in einer sexualisierten Leistungsgesellschaft. Hier darf es scheinbar keine Ängste; Potenzprobleme oder Kontaktschwierigkeiten geben.....
Durch meinen Beruf lebe ich inzwischen Vieles selbstverständlich und ich habe tausende Facetten von Normalität wieder und wieder erlebt – aber eben diese Tatsäche läßt manches Mal vergessen, daß ein Einzelner niemals einen solchen „Überblick“ bekommen wird, wenn er „solide“ lebt. Und somit oft gefangen bleibt in seinen Unsicherheiten.
Die Schüler taten sich unglaublich schwer, offen mit dem Thema Sex umzugehen. Man wich schnell aus und bezog sich stattdessen mehr auf Heimbewohner, bzw. auf die Lebensumstände dort. Wie wird im Wohnheim für behinderte Menschen mit Geschlechtlichkeit und Sexualität umgegangen....
Die Schüler kamen aus unterschiedlichen Einrichtungen mit sehr verschiedenen Arten, das Thema zu „behandeln“.
Ich muß zugeben, ich hatte nichts gewußt von „geschlechter-getrennten Gruppen“ und ich habe mir bislang nie Gedanken gemacht über Wohnheime mit behinderten Kindern, welche irgendwann pupertieren und ganz viele Fragen haben. Ich habe mir nie die Frage gestellt, wie man ein geistig behindertes Kind aufklären sollte; ob Menschen mit Behinderung in Heimen Paare werden und Kinder bekommen dürfen sollten;....
Es ist ein irre großes, umfangreiches Thema und es geht um Menschen.
Es geht um Menschen, die zwar eine Behinderung haben, welche deshalb aber doch längst nicht gefühllos und frei von Sehnsüchten und zärtlichen Bedürfnissen sind. Es sind Erwachsene, die ein ganz eigenes Leben haben und die dieses genauso genießen können sollten, wie ein Mensch ohne Behinderung.
Es war ein sehr spannender Unterricht. Ab und zu brachte ich mich auch vor 11h ein – aber um 11h dann bekam ich nochmal richtig Herzklopfen....
Herr L. begann mit seinen Fragen. Ansich ging es garnicht so sehr speziell um Behinderung. Es ging ums Mensch-sein; um Gefühle und darum, sie zu erkennen und damit etwas Gutes zu machen. Ich wurde teils heftig hinterfragt – die Schüler wurden mutiger.....
Warum ich diesen Job mache; seit wann; weshalb diesen und nix „besseres“ Wie gehe ich um mit Männern, die „häßlich“ sind Wie könnte ein Heim einen Besuch einer Prostituierten organisieren Was ist wichtig zu beachten Warum ist Sex garnicht immer so wichtig Was ist „Einsamkeit“ – und warum brauchen auch Menschen mit Behinderung (wie alle anderen auch) ab und zu eine Umarmung; ein Streicheln; Zärtlichkeit; Hautkontakt
Ich erzählte aus meinem Leben; von prägenden Erlebnissen mit Gästen; von meiner Tochter; meiner Einstellung zum Beruf und warum ich viele Dinge auch ohne Geld mache – und mir dieses so wichtig ist.
Ich erzählte von den verschiedenen Arten, Prostitution auszuüben; von den verschiedenen Prioritäten der Frauen - und daß es sicherlich inzwischen viele Frauen im Gewerbe gibt, denen ihre Selbstachtung und Selbstliebe wichtiger ist, als Geld.
Als „Nutzer“ von Prostitution ist man heute nicht gezwungen, im Laufhaus ein Mädel zum Dumpingpreis zu buchen, das einem außer einem „Loch“ nichts zu vermitteln versteht. Man kann auswählen und vorher überlegen, was man erwartet und was man geben möchte. Ob man die „alte Art“ der Prostitution erhalten und fördern mag – oder ob es nicht erfüllender ist, nach Menschlicherem zu suchen, als purer Kopulation.
Zwischendurch hatte ich zugegeben etwas Angst, ich hätte mich zu weit geöffnet; zu viel meines Inneren offenbart. Andererseits – Veränderungen setzen Mut voraus. Auf beiden Seiten.
Ich hab mich trotz der manchmal provokativen Fragen wohl gefühlt. Ich habe zu meiner ehrlichen Meinung gestanden und ich habe scheinbar auch viele der gesellschaftlich bestehenden Vorurteile angeknackst und zum Nachdenken anregen können. Es gibt nicht immer nur schwarz-weiß. Und letztlich steht hinter jeder Prostituierten eine Lebensgeschichte. Es liegt an jeder Einzelnen, daraus das zu machen, was sie für „gut“ befindet.
Ich bin glücklich über all meine Lebenserfahrungen und so vieles über Menschen; Sehnsüchte; Gefühle und auch Zweifel; Ängste und Furcht gelernt zu haben. Es tut gut, diese Erfahrungen teilen zu dürfen.
Im Anschluß an den Unterricht sagte mir Herr L., daß er mit Vielem gerechnet hätte – aber nicht damit. Ich hätte ihn – und wohl auch die Schüler – sehr nachdenklich gemacht. Gerne würde er mich im nächsten Jahr in der nächsten Klasse wieder begrüßen dürfen....
Abschließend lernte ich noch weitere Mitarbeiter des Hauses kennen. Und als ich ein paar Tage später mit dem Schulleiter telefonierte um zu fragen, ob ich diesen Bericht schreiben und die Schule verlinken dürfe, bekam ich weiteres, positives feedback.
Ich habe an dieser Schule unglaublich herzliche, freundliche Menschen kennenlernen dürfen, welche den Mut haben, Tabus zu knacken und die bestrebt sind einen Weg zu finden, um auch in Wohnheime mehr Nähe und Menschlichkeit zu bringen. Ich bin glücklich, solch große Schritte erleben und sogar mit initiieren zu dürfen. Ich freue mich auf´s nächste Jahr.... Herzliche Grüße, Karin
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