22 SEXUALITÄT procap 3/2007 Fachstelle Behinderung und Sexualität «Wir mischen uns ein» Frau Dr. Aiha Zemp ist Psychotherapeutin und Leiterin der vor rund einem Jahr eröffneten Fachstelle Behinderung und Sexualität (fabs). Das Procap Magazin sprach mit ihr über Sexualität allgemein, Missbrauch und gleichgeschlechtliche Liebe. ¦ Vorerst eine generelle Frage: Was ist besonders oder speziell am Sexualempfinden von Behinderten? Aiha Zemp: Das Grundbedürfnis nach Sexualität, Zärtlichkeit und Liebe unterscheidet sich nicht von Nichtbehinderten. Es gibt verschiedene Behinderungsarten, bei denen sich die Sexualität aufgrund der Behinderung anders darstellt. Aber es ist sehr selten bis überhaupt nicht, dass die Sexualität wegen der Behinderung grundsätzlich behindert ist. Es kann sein, dass jemand nach einem Rückenmarkbruch im Genitalbereich keine Gefühle mehr hat. Doch der Körper ist ein wunderbares Instrument, der sofort zu kompensieren beginnt. Wenn sich jemand nicht an diesem fixen Bild festklammert, auf dem Weg der Penetration zum Orgasmus zu kommen, sondern sich auf jene Körperteile konzentriert, die noch Gefühle haben, dann kann die Sexualität genauso lustvoll gelebt werden – einfach anders. Wo stellen sich denn Probleme beim Ausleben von Sexualität? Es gibt Probleme bei Menschen, die mechanisch nicht in der Lage sind, beispielsweise sich selbst zu befriedigen, weil sie lahme Hände haben oder zu spastisch sind und eine Gefahr der Selbstverletzung besteht. Die grösste Schwierigkeit ist natürlich die Isolation, wodurch es schwierig wird, überhaupt einen Partner oder eine Partnerin zu finden. Wie kann man aus der Isolation ausbrechen? Integration auf allen Ebenen ist das Wichtigste. In Schweden machte man die Erfahrung, dass es innerhalb von fünf Jahren, Aiha Zemp Foto: Heike Grasser, Ex Press nachdem die ursprüngliche Art von Heimen geschlossen worden war, 25 Prozent mehr Paarbildungen gab. Dadurch, dass wir Behinderte hier in der Schweiz nicht integriert sind, fungieren wir in den Köpfen der Nichtbehinderten gar nicht als mögliche Geschlechtspartner. Integration ist zentral. Und auch Aufklärungsarbeit? Die Aufklärung von Menschen mit geistiger Behinderung ist besonders wichtig, aber auch die Aufklärung der Bevölkerung, deshalb machen wir von der Fachstelle auch viel Öffentlichkeitsarbeit. Aber stellen Sie sich mal vor: Ich war zehn Jahre lang verheiratet. Ich hätte meinen Mann vielleicht noch irgendwo mit viel Glück kennen lernen können, aber glauben Sie, der wäre ins Heim gekommen? Das hätte er auch nicht gekonnt. Um eine Partnerschaft wirklich leben zu können, ist für Menschen mit Behinderung das Assistenzmodell von höchster Wichtigkeit. Sie geben ja verschiedene Kurse. Was für Kurse sind das und wer engagiert Sie? Ich gebe Kurse für Menschen mit geistiger Behinderung zum Thema Freundschaft, Liebe, Sexualität. Dafür werde ich meist von Heimen engagiert. Das sind Sexualaufklärungskurse: meine liebste Arbeit. Warum? Weil es eine Herzarbeit ist. Es ist wunderbar, mit welchem Eifer und welcher Neugier die Menschen bei der Sache sind. Und was für Kurse geben Sie sonst noch? Ich gebe Kurse für das Heimpersonal und zwar immer zweigleisig zu den Themen Sexualbegleitung und sexuelle Gewalt. Bei der sexuellen Gewalt geht es um deren Erkennung und Prävention. Dann mache ich auch Konzeptarbeit in den Heimen, also zusammen mit den Heimleitungen. Im Weiteren Supervisionen zum Thema der strukturellen Gewalt, die sexuelle Gewalt fördern kann. Was ist unter struktureller Gewalt zu verstehen? Strukturelle Gewalt ist all das, was die Selbstbestimmung einschränkt. Wie können Sie einem Täter Nein sagen, wenn Sie gar nie gelernt haben, Nein zu sagen? Strukturelle Gewalt können Machtgefälle, aber auch ganz einfache Heimregeln sein. procap 3/2007 SEXUALITÄT 23 All das, was Menschen, die im Heim leben, in ihrer Freizeit nicht selbst bestimmen können, ist strukturelle Gewalt. Wie häufig ist sexuelle Gewalt? 64 Prozent aller behinderten Frauen erfuhren sexuelle Gewalt, davon wurden 26 Prozent ein oder mehrere Male vergewaltigt. Bei den Männern sind 50 Prozent von sexueller Gewalt betroffen, davon wurden 7 Prozent vergewaltigt. Was kann man denn tun, um Missbrauch zu verhindern? Ein ganz wichtiger Ansatz ist, das Selbstbewusstsein von Menschen mit Behinderung zu stärken. Das ist ganz fundamental. Und in den Institutionen muss sexuelle Gewalt thematisiert werden, es muss einen Leitfaden geben, der bestimmt, wie bei sexueller Ausbeutung vorgegangen werden muss. Zusätzlich sollte das bei jedem Vorstellungsgespräch thematisiert und ein Leumundszeugnis verlangt werden. Jemand, der in einem Heim zu arbeiten beginnt, muss klar wissen: «Bei denen ist das ein Thema, hier darf keine sexuelle Gewalt vorkommen. » Was müsste auf Stufe der Behörden getan werden? Jeder Kanton hat eine Aufsichtsbehörde für die Heime. Die Aufsichtsbehörde sollte das Thema sehr ernst nehmen und Minimalanforderungen festsetzen, was bezüglich Sexualität und was bezüglich sexueller Gewalt getan werden muss. Vorbildlich ist beispielsweise der Kanton Basel Stadt. Er hat vergangenes Jahr zusammen mit mir Konzepte erarbeitet. Das müssen auch Kontrollinstrumente sein, mit denen die zuständige Person wirklich etwas in der Hand hat, um kontrollieren zu können. Was raten Sie Betroffenen, die missbraucht worden sind? Darüber reden. Die Täter setzen die Opfer fast immer unter Druck, sie dürfen nichts erzählen. Wem sollen sie es denn erzählen? Ihrer Bezugsperson im Heim, wenn sie eine haben, oder zu uns kommen. Dafür bin ich da. Betroffene können Sie jederzeit anrufen, Ihnen mailen oder schreiben? Ja, sie können auch einen Termin abmachen, und da schreiten wir dann auch ein. Wir mischen uns ein, wenn uns Missstände gemeldet werden. Ich nehme dann mit der Heimleitung Kontakt auf und bitte sie um ein Gespräch. Dann biete ich Unterstützung für die Verfassung eines Konzeptes und für Weiterbildungen an. Wie sind denn die Reaktionen, wenn Sie so vorstellig werden? Zuerst ist man natürlich zurückhaltend, man ist erstaunt oder erschrickt, wenn ich anrufe und sage, dass ein Problem gemeldet wurde. Wenn ich jedoch ein Angebot mache, dass wir von der Fachstelle aus helfen können, dann stosse ich in der Regel auf offene Ohren. Wie ist das mit der gleichgeschlechtlichen Liebe unter Behinderten? Die nicht behinderten homosexuellen Männer haben in der Regel ein sehr hohes Niveau an ästhetischen Ansprüchen. Denen entsprechen körperbehinderte Männer natürlich oft nicht. Für körperbehinderte Männer ist es schwierig, eine homosexuelle Partnerschaft aufzubauen. Für geistig behinderte Menschen ist das sehr viel einfacher. Ich kann ihnen da ein schönes Beispiel erzählen. Wir haben früher in unserer Wohngemeinschaft regelmässig ein geistig behindertes Mädchen gehütet. Mittlerweile ist das eine 30-jährige Frau und ich bin ihr kürzlich begegnet. Sie kam ganz freudestrahlend auf mich zu und rief: «Aiha, ich muss dir was erzählen: Schau, das ist meine Freundin Agnes. Aber weisst du, das ist meine ganz richtige Freundin.» Dann habe ich gesagt: «Ja, das sehe ich.» Und sie: «Weisst du, wir haben schon Glück. Die im Heim wissen nämlich nicht, dass es zwei Frauen miteinander haben können. Sonst dürften wir nicht zusammen im Zimmer sein. Und weisst du, der Peter hat gestern so geweint. Der ist in die Ingrid verliebt. Dann bin ich zu ihm gegangen und habe ihm gesagt, er solle es doch mit dem Paul machen, dann merkt niemand was. Aber dann hat er noch mehr geweint und gesagt, er wolle nicht den Paul, er wolle die Ingrid.» (lacht) Gibt es denn eine Fachstelle für dieses Thema? Es gibt bald den ersten Homosexuellentreff für Menschen mit geistiger Behinderung in Zürich. Die Fachhochschule für Sozialarbeit hat ein Projekt zu Homosexualität und geistiger Behinderung durchgeführt. Aufgrund dessen wird jetzt ein Homosexuellentreff eröffnet. Was interessiert Sie persönlich am Thema? Warum beschäftigen Sie sich gerade damit? Ich beschäftige mich seit dreissig Jahren mit dem Thema Sexualität und Behinderung. Als Psychotherapeutin beschäftigt man sich natürlich sehr viel mit Sexualität. Ich finde, Sexualität ist eine Urkraft des Menschen. Ich sehe nicht ein, warum ein Teil der Menschheit an dieser Urkraft verhindert oder behindert werden soll. Dagegen will ich ankämpfen. Meine Behinderung hilft mir dabei natürlich, denn ich weiss, wovon ich spreche. Deshalb wirke ich meistens auch glaubwürdig. Das ist eine grosse Chance, die ich habe, und es geht auch darum, Chancen zu nutzen. Ich habe die nötige Erfahrung als Psychotherapeutin, ich habe ein politisches Bewusstsein, ich habe Selbstbewusstsein und einen gewissen Bekanntheitsgrad. Somit kann ich etwas bewirken in der Schweiz und im deutschsprachigen Europa. Adrian Hauser Kontakt zur fabs in Basel: Tel. 061 683 00 80, info@fabs.ch, www.fabs.ch